Yorkshire Dales, Brexit und Peak District

Muker 01

Ab Mitte Juni war ich für zehn Tage in Nord-England. Im Flieger nach Manchester und von dort mit dem Leihwagen in die ca. 160 km weiter nördlich gelegenen Yorkshire Dales. Eine karge, felsige, spärlich besiedelte Landschaft mit sanften Hügeln und vielen Tälern. Bekannt sind die Dales beispielsweise durch die Romane von James Herriot (Der Doktor und das liebe Vieh) oder den Wensleydale Käse, den Wallace aus Wallace & Gromit so sehr schätzt. Auch die Geschichten von „Shaun das Schaf“ spielen in den Dales. Apropos Schafe: Die zahllosen, für die Dales sehr charakteristischen Flurstücke, die von Steinmauern umgeben sind, werden hauptsächlich von Schafen, weniger von Rindern beweidet. Früher wurde in den Dales Bleierz abgebaut, heute dominiert ausschließlich Landwirtschaft. Seit 1954 gibt es den Yorkshire Dales National Park, der Naturfreunde, Wanderer und Ornithologen anzieht.

Mit meiner Liebsten wohnten wir für eine Woche in einem kleinen Cottage in Muker. Muker ist ein idyllisches 250 Seelen Örtchen und wirkt wie aus längst vergangenen Zeiten. Ideal um jenseits vom Trubel Natur pur zu genießen. Nachts herrscht nahezu himmlische Ruhe, ab und zu hört man einen Fasan, selbst die Schafe schlafen durch. Morgens wacht man auf und wie wunderbar ist das Gefühl, keinerlei Verpflichtungen zu haben, kein „müssen“, „sollen“, allenfalls ein „wollen“ bestimmt den Tagesablauf. Fast täglich sind wir gewandert, entweder direkt von Muker, oder auch vom knapp 11 km entfernten nächst größeren Ort Hawes aus. In Hawes findet sich neben der Wensleydale-Käserei auch alles für den täglichen Bedarf, inklusive Feinkost und süßen Versuchungen.

Lohnende Wanderungen:

Muker – Keld – Muker: ca. 10 km, 3 Std., sehenswert: alte Bleimine, ein Wasserfall, Vögel

Muker – Ivelet Bridge – Muker, ca. 8 km, 2 Std 30 min: der Fluss Swale, Wasservögel, Steinbrücke

Hawes –Hardraw Force – Hawes, ca. 7 km. , 2 Std. 30 min, sehenswert: Wasserfall, Kirche Hardraw

Mehr hier: www.daleswalks.co.uk

Lohnende Ausflüge:

Ribblehead Viaduct: Eine eindrucksvolle zwischen 1870 und 1874 erbaute 402 m lange Eisenbahnbrücke mit 24 Bögen.

Richmond: Eine 9.000 Einwohner Stadt am Swale Fluss mit sehenswerter Burgruine

In Muker selbst befindet sich mit dem Farmers Arms ein wirklich empfehlenswertes und authentisches englisches Pub. Jeden Tag  geöffnet, bis 20.30 Uhr warme, sehr schmackhafte Küche, acht Sorten Bier vom Fass, darunter lokale Spezialitäten wie das 3,8% Vol. leichte Black Sheep Best Bitter oder das dunkle, malzig-kräftige Old Peculier von Theakston mit 5,6% Vol. Letzteres kennen Sie eventuell aus den Inspector Jury Romanen von Martha Grimes. Eine Kneipe zum Wohl- und Einfühlen ins englische Landleben. An der Wand Bilder von prämierten Schafen, auf der Herrentoilette im Aushang schmutzige Witze, an der Theke fröhliche Menschen, unten herumwuselnde Hunde.

Auf der Website des Farmers Arms finden Sie weitere gute Wandertipps.

Je näher das Brexit-Referendum rückte, desto häufiger drehten sich die Gespräche hier um dieses Thema. Wir hatten nicht den Eindruck, dass jemand Europa den Rücken kehren wollte, zumal uns fernab von Brüssel immer wieder Schilder an die EU erinnerten: Restaurierung und Erhalt historischer Steinscheunen, Trockenstein-Mauern, Parks: Gefördert mit Zuschüssen der EU. Breitbandkabel-Verlegung in Hawes: Dito. Das böse Erwachen kam am letzten Morgen in Muker, 52% für den Austritt aus der EU, in den Dales gar über 60%. So kann man sich täuschen.

Auf dem Weg zu unserem zweiten Ziel Charlesworth im Peak District legten wir noch einen kurzen Stopp in Harrogate ein. Harrogate war einst dank seiner Mineralquellen ein sehr angesehener Kurort, aus dieser Zeit im späten 19. Jahrhundert stammen auch viele der beeindruckenden Häuser. Wir kehrten mittags ins berühmte Bettys ein, einem 1919 gegründeten Tee- und Kaffeehaus. Ambiente und eine tolle Auswahl an Tee, Kaffee, Gebäck machen den Besuch lohnenswert, aber spätestens ab dem frühen Nachmittag steht man in der Regel länger für einen freien Tisch an.

Der Peak District gehört wie die Yorkshire Dales zu den Pennines, einem 400 km langen Mittelgebirge. Die Landschaften sind sich ähnlich, auch hier Dominanz der Landwirtschaft. Charlesworth liegt am Rande des Peak District National Parks. Der nächst größere Ort ist Glossop, ca. 40 km südöstlich von Manchester. Unsere letzten drei Urlaubstage verbrachten wir im The Woodland Guest House, einer kleinen Pension mit lediglich vier Zimmern. Die Zimmer sind nicht besonders groß, das Bad wahrlich klein, aber wir fühlten uns trotzdem überaus wohl. Das lag an den wahrlich liebenswerten Gastgebern, die uns rundherum verwöhnten und uns jede Menge gute Tipps für die Region gaben.

Zum Woodlands gehört ein mehrfach prämierter Tea Room, der in einem Wintergarten am Haus untergebracht ist. Zur Begrüßung gab es gleich Afternoon Tea inkl. Scones, Clotted Cream und Erdbeergelee. Innerhalb kürzester Zeit war unser Kalorienbedarf nach der Fahrt auf köstlichste Art und Weise gedeckt. Überhaupt haben wir wirklich gut gegessen, die Vorurteile gegenüber englischer Küche gehören längst über Bord geworfen. Natürlich ist es nicht jedermanns/jederfraus Sache,  morgens gleich die Spannkraft des Magens mit Speck, Bohnen, Würstchen oder Porridge zu testen, aber zumindest stand es zur Auswahl. Ein ausgezeichnetes Omelett nach Wunsch oder Rührei mit schottischem Lachs ging aber schon…Das Frühstück im Woodlands ist herausragend gut.

Speisen werden nicht jeden Abend serviert, so empfahl man uns das „Oddfellows“ im 10 km entfernten Mellor. Siehe da, wieder ein großartiges Pub mit Michelin Empfehlung für gute Küche.

Auch im Peak District meinte man es überall gut mit uns, im wenige Kilometer entfernten Marple wanderten wir erst durch den weitläufigen Brabyns Park und später zu den Roman Lakes, einer Seenlandschaft, an deren Ufern man Enten, Gänse, Reiher aus nächster Nähe beobachten kann.

 

Vor dem Rückflug verbrachten wir noch einige Stunden in Manchester, unter anderem besuchten wir die Manchester Art Gallery inklusiver einer tollen Sonderausstellung „100 Jahre Vogue“. Ich war zum ersten Mal in Manchester, diese Stadt mit seinen gewaltigen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert möchte ich unbedingt ausführlicher kennenlernen. Zwar ist beim imperialen Glanz der Lack öfter beschädigt oder ganz verblasst, aber wir konnten sehen, wie man allerorts um Restaurierung bemüht ist.

Fazit: England war und ist für Natur- und Kulturbegeisterte immer eine Reise wert. Inzwischen längst auch für Genießer. Das Autofahren auf der gefühlt „falschen“ Seite bleibt gewöhnungsbedürftig und ist in den Dales auf den schmalen einst für Pferdefuhrwerke geplanten Straßen manchmal mit Stress verbunden. Spätestens abends bei einem „Home baked Steak Pie“ und einem Pint Ale ist das vergessen.

Der Brexit ist eine Tatsache, herbeiverführt von zwei demagogisch Hochbegabten, die inzwischen aber zu feige sind, die Geister, die sie riefen, zurück in die Flasche zu stopfen.

Wir hingegen haben nur offenherzige, freundliche Engländer getroffen, die sich sogar für dieses Missgeschick bei uns entschuldigt haben. Nichts wird uns hindern, dieses wunderbare Land bald wieder zu besuchen.

 

Verfasst Allgemein, Tags: , , , , .

Comments are closed.