Was für ein Wein: 1990 Pichon-Baron

Château Pichon-Longueville in Pauillac, Bordeaux blickt auf eine bis ins Jahr 1694 reichende Historie zurück. Damals heiratete Baron Jacques Pichon de Longueville die Tochter des einflussreichen Bordelaiser Weinhändlers Pierre Desmezures de Rauzan. Besagte Thérèse brachte als Mitgift Parzellen, die nahe Château Latour lagen, mit in die Ehe. Bis zum Jahre 1850 blieb das Weingut unverändert bestehen, dann aber musste Baron Raoul de Longueville einen Teil an seine drei Schwestern abgeben. So entstand das nicht minder berühmte Château Pichon-Comtesse de Lalande.

Pichon-Longueville, heute allgemein bekannt unter dem Namen Pichon-Baron wurde im Jahre 1855 zum 2ème Grand Cru Classé gekürt.  Château Pichon-Comtesse de Lalande ebenfalls. 1933 verkaufte die Baron de Longueville-Familie ihr Schloss an die Bouteiller-Familie. 1987 schließlich erwarb der Versicherungskonzern Axa-Millésimes das Anwesen. Es wurden gewaltige Summen in die Modernisierung von Schloss und Keller gesteckt. Letztere machten sich qualitativ umgehend bemerkbar. Jahrzehntelang hatten in der Regel die Weine von Pichon-Comtesse de Lalande die Nase vorn, aber ab dem Jahrgang 1988 befinden sich beide Güter auf Augenhöhe.

Pichon-Baron umfasst 73 ha Reben, die sich wie folgt aufteilen: 65% Cabernet-Sauvignon, 30% Merlot, 3% Cabernet Franc und 2% Petit Verdot.

Der Jahrgang 1990, welcher ohnehin schon zu den besten Jahrgängen des 20. Jahrhunderts zählt, ist auf Château Pichon-Baron herausragend geworden. Eine Flasche davon habe ich am vergangenen Wochenende verkostet.

Die Flasche befand sich seit Beginn der Auslieferung in meinem Besitz. Füllhöhe perfekt: Into neck (im Hals). Ich hatte den Wein eine Stunde dekantiert, würde Ihnen aber empfehlen, ihm ruhig zwei Stunden Luft zu geben, sofern die Flasche ebenfalls perfekt gelagert wurde.

Farbe: Intensives, dunkles Rot, am Rand kaum aufhellend, keinerlei braune Ränder erkennbar, was für einen 27 Jahre alten Bordeaux ungewöhnlich ist.

Bouquet: Unwiderstehlich! Reife rote Beeren, dunkle Waldbeeren, dazu eine wunderschöne, unaufdringliche Röstaromatik, die dieser Wein schon immer hatte und die sicher von neuen Barriquefässern herrührt. Weiterhin Zedernholz und Graphit. Insgesamt ein angenehm warmes, Süße versprechendes Bouquet, aber keinesfalls diese gekochte, überkonzentrierte Art, die man heute bei Bordeaux-Weinen aus guten Jahrgängen findet.

Geschmack: Die Süße setzt sich nahtlos am Gaumen fort, der große Jahrgang ist jederzeit präsent. Was für eine vielschichtige, geballte Ladung Frucht! Eine durchaus prägnante Säure und reife, aber schmeckbare Tannine halten das Ganze in makelloser Balance. Blind würde ich den Wein niemals auf 27 Jahre schätzen, andererseits gab es nach 1990 keine großen Jahrgänge mehr, bei denen die Top-Weine mit moderaten 13% Vol. glänzten. Später kamen niedrigere Erträge durch strengere Traubenselektion, Fokus auf Konzentration und Wucht statt auf Finesse, dazu noch der Klimawandel mit immer höheren Temperaturen auch in Bordeaux an. Mit jedem Schluck eines Klassikers wie diesem 1990er vermisse ich die „guten alten Zeiten“, in denen Bordeaux unverwechselbar zu sein schien. Mit zunehmender Dauer in Karaffe und Glas legt der 1990er Pichon-Baron nochmals deutlich zu, ich wünsche mir sehnlichst, dass die Flasche niemals leer wird. Vollkommenes Glück hat sich längst in mir ausgebreitet, ich spüre, wie ich eins werde mit dem Wein, so als würde der edle Bordeaux durch alle Adern fließen und mein Herz fluten. 1990! Ein richtig guter Wein wie dieser lässt nur die aller angenehmsten Erinnerungen der vergangenen 27 Jahre an die Oberfläche kommen. Lange bleiben seine Tiefe, sein Nachhall, dieses einzigartige Geschmackserlebnis erhalten und so setze ich ihm hier ein hoffentlich angemessenes Denkmal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in den nächsten zwanzig Jahren nicht wackeln.

Fazit: Ich kenne zahlreiche Pichon-Baron Jahrgänge, aber keinen besseren als den 1990er. Santé!

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