Tausend Kilometer für Méo-Camuzet

Am 15. März 2018 folgte ich einer Einladung der Domaine Méo-Camuzet ins Burgund. Seit Jean-Nicolas Méo 1989 die Leitung des Weinguts übernahm, arbeiten wir gemeinsam erfolgreich. Im Rahmen der jährlich stattfindenden Veranstaltungsreihe Grand Jours de Bourgogne stellte Monsieur Méo eine Vergleichsprobe der beiden Nuits St. Georges Premier Cru Lagen „Aux Murgers“ und „Aux Boudots“ zusammen. Insgeheim hatte ich mir einen Plan für diese kurze Reise ausgetüftelt: 4.30 Uhr aufstehen, 5.30 Uhr Abfahrt, nach 500 Kilometern in fünfeinhalb Stunden ankommen. Soweit ging alles gut. Allerdings wurde das Wetter, je weiter ich nach Süden vordrang, immer schlechter. Das Burgund wurde von einer Regenfront beherrscht. Die niedriger gelegenen Weinberge waren geflutet wie Reisfelder. Eigentlich wollte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und im Rahmen meiner Vorbereitung auf den 31,1 km Hermannslauf eine lange Trainingseinheit entlang der Côte de Nuits einbauen. Die fiel buchstäblich ins Wasser. Schier endlos schüttete es aus einer grauen, erdrückend tiefliegenden Wolkendecke. Frust. Was nun? Erstmal ins Hotel in Nuits St. Georges einchecken und mich sortieren. Trost finden. Nur wie? Den berühmten Käseladen von Alain Hess in Beaune besuchen! Ja, das würde sicher helfen. Es war bereits Mittag. Ab ins Auto und los. Optimistisch hatte ich für die Reise keinen Schirm eingepackt. Triefnass stand ich gegen halb eins vor dem geschlossenen Delikatessengeschäft. Ab 12.15 Uhr Mittagspause. Hatte ich selbstverständlich nicht vorab geprüft. Kein Lauf, kein Käse. Wo sollte das heute hinführen? Zurück ins Hotel, abtrocknen, aufwärmen, ausruhen. Gegen drei Uhr Nachmittag hörte es tatsächlich auf zu regnen. Die Probe war ab 17 Uhr terminiert. Schnell die Laufklamotten an, die Kamera in den Rucksack und ab in die Weinberge von Nuits St. Georges. Es blieb trocken und ich verschaffte mir im Laufschritt einen zur Degustation passenden Eindruck vom Terroir.

 

Jean-Nicolas Méo hatte für seine Gäste neun Weine aus der Schatzkammer geholt. Hier meine Notizen:

 

2010 Nuits St. Georges Aux Murgers, Premier Cru

Die Lage umfasst 4,89 ha, von denen Méo-Camuzet 0,73 ha besitzt. Méos Parzellen hier waren früher an Henri Jayer verpachtet. Aux Murgers liegt nördlich des Ortskerns, ist eher abgeflacht, der Boden ist relativ hell und enthält neben Kalk auch Sand und Kieselsteine.

2010 gilt als großer Jahrgang im Burgund. Der „Aux Murgers“ lässt vom ersten Moment keinerlei Zweifel daran aufkommen. Sehr feine, absolut reintönige, verführerische Nase, dunkle Beeren, dazu feine, unaufdringliche Röstaromen. Am Gaumen wahre Klasse, dichte, samtig-feine Frucht in Harmonie mit Säure und Tannin, absolut präzise im Ausdruck, Finesse in Vollendung. Bereits mit Freude zu genießen, besitzt aber noch Potential über die nächsten zehn Jahre hinaus.

 

2010 Nuits St. Georges Aux Boudots, Premier Cru   

Die Lage umfasst 6,3 ha, von denen Méo-Camuzet 1,05 ha besitzt. Aux Boudots grenzt nördlich direkt an den Vosne-Romanée Premier Cru Aux Malconsorts an. Die Lage ist mit 18% Neigung etwas steiler, sehr steinig und gut wasserdurchlässig. In der Regel sind die Weine hier körperreicher, was auch dieser 2010er Aux Boudots bestätigt.

Das Bouquet ist deutlich würziger, erdiger, weniger Fruchtaromen, eine gewisse Duftnuance erinnert mich an antikes Mobiliar. Am Gaumen hat er mehr Biss, die Tannine sind deutlicher spürbar, woraus sich schließen lässt, dass der Wein verschlossener ist und mehr Zeit braucht, um sich optimal zu entfalten. Ich würde ihm noch einige Jahre Ruhe im Keller gönnen.

 

2009 Nuits St. Georges Aux Murgers, Premier Cru

Deutlich reifer als der 2010er. In der Nase leicht animalische Aromen, dazu etwas laktisch. Er wirkt generell wärmer, auch im Geschmack. Reife dunkle Beeren, sehr gute Struktur, viel Kraft, recht feste Tannine und deutlich in der Säure. Ich würde zu weiteren fünf Jahren Geduld raten.

 

2009 Nuits St. Georges Aux Boudots, Premier Cru

Auch hier zeigt sich die höhere Reife des Jahrgangs 2009. Der Aux Boudots ist derzeit ausdrucksstärker als der 2009er Aux Murgers: Deutliche Röstaromen, dunkles Beerenkompott, schwarze Kirschen. Am Gaumen satte, reife und saftige Frucht, viel Körper, ohne jedoch schwer zu wirken. Kraftvoll, intensiv, würzig und lang, ein klassischer, sehr, sehr guter Burgunder aus reifem Jahrgang.  Hält sicher weitere zehn Jahre.

 

1999 Nuits St. Georges Aux Murgers, Premier Cru

Hochelegant würde ich sagen, dürfte ich es nur mit einem Wort ausdrücken. Noch immer satte Farbe, in der Nase rote und dunkle Beeren. Die 1999er von Méo-Camuzet empfand ich seit jeher als überaus charmant und zugänglich, das Potential des formidablen Jahrgangs wurde vollständig ausgeschöpft. Heute ist der Aux Murgers weich und rund, ein wirklich delikater, finessenreicher Burgunder in allerbester Trinkreife. Feinste Frucht, cremig, leicht likörige Süße, wie sie ein Pinot Noir in sehr guten Jahren hervorbringt. Ein großartiger, komplexer Burgunder, nach einem Schluck sind alle Sorgen vergessen. Wird sich noch lange auf diesem hohen Niveau halten.

 

1999 Nuits St. Georges Aux Boudots, Premier Cru

Reif, würzig, ein Hauch flüchtige Säure. Geschmacklich in sehr schöner Balance, die dunkle Beerennote kommt nach ein paar Schlucken prima durch, dazu angenehme Säure. Füllig, körperreich, edel und lang, aber nicht so weich wie der „Aux Murgers“. Hat noch reichlich Potential.

 

1996 Nuits St. Georges Aux Murgers, Premier Cru

Ein wahrer Klassiker, perfekt gereift. Dieser Burgunder bietet alles, was man in einem trinkreifen, großen Jahrgang sucht. Vorzügliche Süße, Schmelz, saftige, eingelegte rote Beeren, Präzision, Spannung und Balance. Bleibt sehr lang, edel durch und durch. Das wird auch noch einige Jahre so bleiben.

 

1996 Nuits St. Georges Aux Boudots, Premier Cru

Wahrscheinlich lag es an der Flasche, der „Aux Boudots“ hat mich hier nicht überzeugt. In der Nase leicht laktisch, dazu erdig, Möbelpolitur, in der Farbe deutlich heller und trüb. Die Säure ziemlich prägnant, würzig, die Frucht reduziert, leicht bitter. Das Trinkvergnügen fehlte, Pech gehabt.

 

2003 Echezeaux Les Rouges du Bas, Grand Cru aus der Magnum

Die Grand Cru Lage Echezeaux ist mit insgesamt 37,69 ha ziemlich groß, jedoch unterteilt in verschiedene Parzellen, deren jeweilige Namen auf dem Etikett genannt werden dürfen. Les Rouges du Bas liegt im westlichen Bereich der Lage Echezeaux und umfasst 4 ha. Méo-Camuzet besitzt hier 0,44 ha. Der Boden ist geprägt von hartem Kalk mit einer dünnen Erdschicht darüber. Die Weine sind generell mineralisch und besonders elegant, weniger der kraftvolle Typ.

Ich bin sehr froh, dass ich diesen 2003er erst zum Schluss probiert habe. Er stellte meines Erachtens alles Vorangegangene in den Schatten. Obwohl ich zuvor ja genügend hervorragende Burgunder probiert hatte, war der Echezeaux Les Rouges du Bas eine Klasse für sich. Sein Bouquet war schlichtweg berauschend. Ich hätte Stunden damit verbringen können, meine Nase ins Glas zu tauchen. Rote Kirschen, Johannisbeeren, Himbeeren, allerfeinste Gewürze des Orients, Pflaume, Schokolade, Tee, Sandelholz, süße Brombeeren, Heidelbeeren. Als Eau de Parfum würde es dem Wort Freudentaumel ganz neue Horizonte eröffnen. Gott sei Dank musste ich aber nicht so viel Geduld aufbringen und konnte gleich spüren, was sich hinter diesem betörenden Duft verbirgt. 2003 war wahrscheinlich das heißeste Jahr der Weingeschichte und kein Winzer konnte auf Erfahrungen zurückgreifen. Jean-Nicolas Méo hat hier alles richtig gemacht, denn sein Echezeaux hat die Frische und besondere Mineralität der Lage bewahrt und die oft im Jahrgang 2003 anzutreffende rumtopfmäßige Überreife oder austrocknende Tannine vermieden. Ich neige eigentlich nicht zu Superlativen, aber wenn ich dem Wein Punkte geben sollte, hätte er eine mehr als zweistellige Anzahl. Natürlich ist das Geschmackssache und viele Kritiker sagen vielleicht, der Wein wäre nicht burgundisch. Ich kann das nicht verstehen. Er ist im Burgund gewachsen und durch seine Lage und durch Jean-Nicolas Méos außergewöhnliches Können zu einem Wein geworden, von dem ich mich bis ans Ende aller Tage begleiten lassen würde. Was dieser Wein an Finesse, Eleganz, Harmonie besitzt, ist einfach Perfektion auf Flaschen gefüllt. Die Tannine sind reif und geschmeidig, die Säure fein ziseliert, die Frucht intensiv, glockenklar und reintönig, hier ist alles auf den Punkt genau richtig. Ein unvergessliches Erlebnis und zum Glück haben mir nicht die Worte gefehlt, um dieses Gefühl zu beschreiben.

 

Fazit: Eine denkwürdige Burgunderprobe, für die ich liebend gerne 1.000 km gefahren bin. Für den 2003er Echezeaux Les Rouges du Bas lohnt sich sogar die Reise bis Feuerland und zurück.

Bilder: Die Aufnahmen aus Nuits St. Georges entstanden vor der Probe, die Bilder aus den Weinbergen von Vosne-Romanée direkt nach der Probe.

Verfasst Allgemein, Tags: , , , , , , , , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.