Marcobrunn trifft Margaux – Rheingau Gourmet & Wein Festival

Momentan findet in unserer Region wieder das Rheingau Gourmet & Wein Festival statt. Seit dem 23.02.17 reiht sich ein kulinarischer Höhepunkt an den nächsten. Am vergangenen Freitag, den 3. März 2017 nahm ich im Kronenschlösschen in Eltville-Hattenheim am Dinner „Marcobrunn trifft Margaux“ teil. Ausgerichtet wurde dieses Deutsch-Französische Gipfeltreffen von den hessischen Staatsweingütern. Die Staatsweingüter zählen seit mehr als 150 Jahren zur Spitze deutscher Weinkultur, die Schatzkammer auf Kloster Eberbach birgt eine einzigartige Sammlung edelster Riesling- und Spätburgunder-Weine bis weit zurück ins 19. Jahrhundert.

Für mich sind die Weine mit dem prägnanten Adler auf dem Etikett immer etwas Besonderes, sie begleiten mich bereits seit 1987. Seinerzeit besuchte ich auf Kloster Eberbach ein Weinsensorik-Seminar, welches vom berühmten Dr. Hans Ambrosi initiiert und geleitet wurde. Es war mein erster Kontakt  zu gereiften Rheingauer Weinen. Als ich später im Sommer 1989 ein einjähriges Praktikum auf Schloss Vollrads anfing, wurde der Rheingau meine Wunschheimat. Ein ziemlicher Kontrast zu Ostwestfalen-Lippe, wo ich am Rand vom Teutoburger Wald aufwuchs, wo kein Wein wächst und man Bier und Wacholder trinkt.

Noch heute besitze ich Flaschen, die ich zwischen 1989 und 1991 im Weinverkauf der Staatsweingüter erstanden habe. Stets bin ich erstaunt über die außergewöhnliche Langlebigkeit der Weine. In den vergangenen drei Wochen war ich beispielsweise begeistert von einem 1970er Steinberger Cabinet und einem 1986er Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Kabinett halbtrocken. Letzterer bot bei lediglich 10% Vol. eine Intensität, Fruchtfülle und feinsten Schmelz, die ich kaum für möglich gehalten hätte.

Eine große Auswahl an Raritäten der Staatsweingüter, inklusive zahlreicher aktueller Versteigerungsweine, finden Sie selbstverständlich auch bei uns.

Für das Galadinner „Marcobrunn trifft Margaux“ kochte der Michelin-besternte Simon Stirnal vom Kronenschlösschen fünf Gänge zur Begleitung von insgesamt 14 Weinen aus der Lage Erbacher Marcobrunn sowie vier Jahrgängen Château Margaux plus einem Jahrgang des Zweitweins Pavillon Rouge. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Master of Wine und bislang einzigem deutschen Sommelier-Weltmeister Markus Del Monego, sowie von Dieter Greiner, dem Geschäftsführer der hessischen Staatsweingüter. Von Château Margaux war eigens der stellvertretende Direktor Aurélien Valance angereist. Vor dem Hauptgang erzählte Monsieur Valance Anekdoten aus der jahrhundertelangen Historie von Château Margaux. Beispielsweise hängen die Rebflächen von Château Margaux seit über 350 Jahren unverändert zusammen und bei der Klassifizierung von 1855 war Margaux das einzige Château, welches bei der Einschätzung die maximale Punktzahl von 20 erhielt.

Hier sind meine Verkostungsnotizen:

Zur Crème Brûlée von Foie Gras, Traube, Macadamia Nuss standen drei Weine zur Auswahl:

2015 Erbacher Marcobrunn Auslese

Ein strahlend-klares, sattes Bouquet von exotischen Früchten machte vom ersten Moment an klar, dass mit 2015 ein potentiell großer Jahrgang im Glas stand. Am Gaumen ein herrlich tänzelndes Wechselspiel aus pikanter Säure und intensiver, saftiger und sehr reintöniger Frucht. Perfekte Balance, große Zukunft.

2010 Erbacher Marcobrunn Auslese

Hier ist die primäre Frucht schon in den Hintergrund getreten, die Nase wird dominiert von steinig-mineralischen Noten sowie kandierten Früchten, Orangen. Die stramme, mit 13,5 g/l sehr hohe Säure des Jahrgangs bestimmt den Charakter, die ca. 100 g Restzucker wirken geradezu zurückhaltend. Der 2010er ist intensiv, dicht, vielschichtig und zeigt im Nachhall petrol-mineralische Noten. Hier ist viel Geduld geboten, Potential für etliche Jahrzehnte ist vorhanden.

2002 Erbacher Marcobrunn Auslese

Bernsteinfarben, mit deutlichen Karamellnoten. Wirkt sehr cremig, elegant, seine Süße ist dick und balsamisch, es zeigt sich deutlich Quitte in der opulenten Frucht. Dachte ich anfangs, der Wein hätte zu wenig Spannung, so blühte er in Kombination zur sensationell-köstlichen Crème Brûlée von Foie Gras vollends auf. Was für eine geniale Harmonie zwischen Wein und Küche.

Weitere drei Auslesen wurden zu Jakobsmuscheln, Boudin Noir, Sellerie serviert:

1998 Erbacher Marcobrunn Auslese

Leider zeigte sich in meinem Glas eine störende, leicht fassige Note, die wahrscheinlich vom Kork stammte, keine objektive Bewertung möglich.

1996 Erbacher Marcobrunn Auslese   

Deutlich mineralisch geprägtes Bouquet, fest, feinrassige Säure, perfekt integrierte Süße, hochelegant und fein, sehr schöne Auslese, die auch zu meinem Favoriten zu den Jakobsmuscheln avancierte.

1976 Erbacher Marcobrunn Auslese

Aus dem bis 2003 unerreichten, denkwürdigen Hitzejahrgang, der eine große Menge höchster Prädikate hervorbrachte. Faszinierendes, sehr klares Bouquet von Haselnuss, Kräutern, getrockneten Früchten und etwas Honig. Die Süße ist bereits sehr reduziert, der Wein wirkt zart, finessenreich und elegant, sollte aber besser in den nächsten Jahren ausgetrunken werden, da er zunehmend austrocknen wird. Nichtsdestotrotz im Moment ein spannender, sehr feiner Riesling, der allerdings in Kombination zum Gericht überfordert wirkte.

Drei Große und ein Erstes Gewächs begleiteten Kabeljau, Kartoffelespuma, Nussbutter:

2015 Erbacher Marcobrunn Grosses Gewächs

Noch sehr verschlossenes Bouquet, zeigt allenfalls etwas Zitrus- und Blütentöne. Auch am Gaumen noch leicht bitter, würzig. Braucht viel Luft, besser noch ein paar Jahre Flaschenreife, denn seine Kraft und Konzentration deuten klar auf einen noch schlummernden aber kommenden Klassiker hin.

 2014 Erbacher Marcobrunn Grosses Gewächs

Ein schwieriger Jahrgang, der meines Erachtens aber in der Spitze hervorragend ist und großes Potential besitzt. Dieser 2014er hat echte Klasse, seine würzig-mineralisch geprägte Nase ist vielversprechend, dazu kommen gelbe Früchte inklusive Zitrusaromen. Am Gaumen würzig, straff strukturiert, sehr ausgewogen, spannender Wein, den ich derzeit unbedingt mindestens eine Stunde dekantieren würde. Wenn Sie ihn noch finden, unbedingt kaufen, darüber und darauf freuen.

2013 Erbacher Marcobrunn Grosses Gewächs

Ganz im Gegensatz zu 2014 ist dieser 2013er bereits trinkbereit. Ein offenes, blumig-leicht parfümiertes Bouquet, am Gaumen recht weich und zugänglich, mittlerer Körper, harmonisch. Es fehlt ein wenig Biss, aber nicht an Trinkvergnügen. Ich würde ihn über die nächsten fünf Jahre genießen.

2007 Erbacher Marcobrunn Erstes Gewächs

Im Rheingau nannten sich die Vorläufer der Grossen Gewächse Erste Gewächse. Dieser 2007er ist ausgereift, sehr klassische Nase, mineralisch, nasse Steine, kräuterwürzig. Die Frucht ist klar, leicht salzig, der Wein ist komplex, geradlinig und jetzt optimal trinkreif.

Es folgte der Auftritt der Château Margaux-Weine zum Filet vom Black Angus Rind, Brioche, Buchenpilze, Madeirajus.

2005 Pavillon Rouge

Der Zweitwein von Château Margaux macht dem großen Bordeaux-Jahrgang 2005 alle Ehre. In der Nase ein Korb reifer Blaubeeren, sehr verführerisch. Am Gaumen zeigt sich, dass er gerade mal am Beginn seiner langen Entwicklung steht. Eine feine Bitternote zeigt die Tannine an, seine Frucht deutlich Cabernet Sauvignon betont, feine Säure, aber auch viel Fleisch durch die optimale Traubenreife. Die Frucht wirkt sehr sauber, seine Struktur klar und geradlinig.

1995 Château Margaux

Vollkommenes, klassisch-kühles Bouquet eines großen Margaux. Heidelbeeren, Unterholz, Würze. In jeder Hinsicht hochelegant, sehr sauber, feine, geschliffene Tannine, Würze, exzellente Frucht. Noch immer nicht ausgereift, ich würde lieber fünf weitere Jahre warten, hervorragender Margaux.

1985 Château Margaux

Von der ersten Sekunde an ein traumhafter Bordeaux, ohne jeden Zweifel ein denkwürdiger Margaux. Verführerische, klassische Nase, reichlich Frucht, dunkle Beeren. Perfekte Balance und Eleganz auf höchstem Niveau, eine Primaballerina in Bestform. Wird diese Phase bester Trinkreife sicherlich weitere zehn, fünfzehn Jahre halten. Einfach ein fantastischer Wein, den man so schnell nicht vergisst.

2001 Château Margaux

Tanzt derzeit auffällig aus der Reihe. Stilistisch anders, deutlich moderneres Bouquet, geröstete Kaffeebohnen, Kaffeelikör, wahrscheinlich durch stärker getoastete Fässer hervorgerufen. Dazu dunkle, reife Beeren, wirkt konzentrierter, fester, sehr komplex, die Tannine kompakt spürbar. Ich vermute, dass er noch bis zu zehn Jahre braucht, um seine Eleganz auszuspielen.

1983 Château Margaux

Neben Cheval Blanc galt der 1983er Château Margaux immer als Jahrgangsbester. In seiner besten Zeit wurde er von den meisten Kennern höher eingeschätzt als der legendäre 1982er Jahrgang. Aurélien Valance meinte, dass es heutzutage auf die Flaschenform ankommt, ob 1982 oder 1983 die Nase vorn hat. 1983 bleibt aber stets etwas ganz Besonderes, war es doch der erste Jahrgang  des leider kürzlich verstorbenen Direktors Paul Pontallier, einer der großen charismatischen Persönlichkeiten von Bordeaux. An diesem Abend stand für mich der 1983er im Schatten von 1985. Zwar glänzte der 1983er noch immer mit einer wunderschönen Süße und Vielschichtigkeit und viel Kraft, aber die einzelnen Komponenten wirkten am Gaumen etwas verwaschen, es fehlte die Präzision der Frucht des 1985ers. Bitte nicht als überhebliche Kritik verstehen, denn noch immer ist der 1983er ein Monument, der sicher auch noch lange halten wird. Es fehlte nur dieses Mal an Finesse und Struktur.

Die abschließende Tarte Tatin wurde mit vier Eisweinen gekrönt:

1992 Erbacher Marcobrunn Eiswein

Erstaunlich helle Farbe und eine unvorstellbare Frische. Glasklares Bouquet von exotischen Früchten, wirkt sehr jugendlich, keinerlei Anzeichen von bald 25 Jahren Reife. Eine tolle Süße gepaart mit feinster, pikanter Säure. Perfekte Balance, ein strahlender Bilderbuch-Eiswein in Perfektion, für mich der Weißwein des Abends. Potential für weitere Jahrzehnte ist vorhanden, großartig.

1988 Erbacher Marcobrunn Eiswein

Wahrscheinlich hatte ich keine perfekte Flasche, der Wein duftete leicht nach Klebstoff, zu seiner hohen Süße paarten sich eine spitz wirkende Säure und eine Kräuternote, die nicht passte. Kein Urteil möglich.

1985 Erbacher Marcobrunn Eiswein

Wunderschönes Bouquet! Pfirsich, Honig, Frucht satt, aber auch Eisen. Saftige, opulente Süße, die aber von raffinierter Säure prima balanciert wird. Sehr lebendig und ein echter Genuss, toll gereift.

1984 Erbacher Marcobrunn Eiswein

Die grasige Unreife des Jahrgangs zeigt sich schon in der Nase: Stachelbeere, getrocknete Früchte, Kräuter. 1984 war einer der schwierigsten Jahrgänge überhaupt, die Trauben konnten nicht voll ausreifen, so dass die Weinbaubehörden per Ausnahmegenehmigung die Anforderungen an das Mindestmostgewicht für Qualitätswein absenkten. So waren die Winzer nicht gezwungen, ihre Lese als Land- oder Tafelwein zu vermarkten. Die Winzer jedoch, die Trauben für Eiswein hängen ließen, wurden reich belohnt. Die 1984er Eisweine sind gesuchte Unikate. Die besten wie dieser 1984er Marcobrunn sind hochspannend. Durch seine logischerweise sehr hohe Säure ist er pikant, die Frucht wirkt apfelartig, hinzu kommt eine überdeutliche, faszinierende Darjeeling-Tee-Note. Die vorhandene Süße kommt gegen die Säure kaum an, aber sie genügt, um ein intensiv-würziges Geschmackserlebnis zu bieten. Sicher wird der Wein wohl noch Dekaden im Schneckentempo weiterreifen.

Fazit: Ein wirklich spannender Abend mit großen Weinen, begleitet von exzellenter Kochkunst und sehr unterhaltsamer und lehrreicher Moderation. Herzlichen Dank, es war mir wieder ein besonderes Vergnügen, im stilvollen Ambiente des Kronenschlösschens einen Höhepunkt des Rheingauer Gourmet & Wein Festivals zu genießen.

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