Ein 1959er Wolfsdarm zum Shakshuka

Am 1. September 2018 haben wir mit unseren Gästen einen fleisch- aber keineswegs freudlosen Abend auf dem Balkon verbracht.

Als Hauptgang servierten wir Shakshuka, ein in der Pfanne gegartes Gemüsegericht, dass wir in Israel kennen- und lieben gelernt haben. Es besteht in der Hauptsache aus Paprika, reifen Tomaten, Gemüsezwiebel, Kreuzkümmel, Rohrzucker, Knoblauch, Chili, Koriander und Eiern.

Schon seit längerer Zeit wollte ich ausprobieren, wie sich dieses unwiderstehlich köstliche Mahl zu einem reifen Riesling macht. Mutig hatte ich eine meiner ältesten Flaschen in den Kühlschrank gelegt:

1959 Wachenheimer Wolfsdarm Riesling Cabinet Originalabfüllung, Dr. Bürklin-Wolf, Rheinpfalz  

1959 zählt zu den besten jemals in Deutschland erzeugten Weinjahrgängen, es gab sehr hohe Mostgewichte ohne jede Edelfäule (Botrytis). Dr. Bürklin-Wolf zählte damals wie heute zur Crème de la Crème im deutschen Weinbau. Nichtsdestotrotz zählte dieser Wolfsdarm (was für ein appetitlicher Name…)  schon 59 Lenze und besaß kein höheres Prädikat wie Spät- oder Auslese, sondern war einfach nur eine Originalabfüllung, die man mit dem heutigen Qualitätswein bestimmter Anbaubaugebiete (Q.b.A.) vergleichen kann. Einzig das „Cabinet“ auf dem Etikett ist ein Hinweis, dass dieser Wein für würdig befunden wurde, in die Schatzkammer des Weinguts aufgenommen zu werden.

Ich hatte die Flasche vor einigen Jahren in der Liste eines kleinen Luxemburger Händlers gefunden und wusste natürlich nicht, wie sie bis dahin gelagert wurde. Die Füllhöhe war, wie Sie auf dem Bild erkennen können, noch sehr gut, was das Risikos auf einen müden, oxidierten Wein zu treffen stark verminderte.

Den Korken bekam ich in einem Stück aus der Flasche, ein gutes Zeichen.

Die Farbe des Weins: Ein sehr gesundes Gold/dunkelgelb, am Rand im Glas sogar noch Grünreflexe…zumindest bildete ich mir das ein. Hätte ich den Wein über sein Bouquet schätzen sollen, so hätte ich auf einen sehr guten Jahrgang der 1970er Dekade getippt, eher 1975 als 1971. Erstaunlich lebendig, zarte Kräuterwürze, etwas Honig, Bienenwachs, keinerlei Fehltöne. Die Nase versprach Süße, die sich tatsächlich zu meiner großen Freude auch am Gaumen auf feinste Art und Weise zeigte, unterstützt von reifer Säure und vielschichtigen, würzig-mineralischen Noten. Ein grandioser „kleiner“ Riesling, der längst noch nicht am Ende seiner Genussphase angelangt ist. Würdiger Vertreter des Jahrhundertjahrgangs und Zeugnis höchster Weinbaukunst im Hause Dr. Bürklin-Wolf. Ein Gedicht von einem Riesling.

Diese Flasche war für mich der Star des Abends, selbst im Vergleich zum später ausgeschenkten 1989er Château Lynch-Bages, der für mich ganz klar zu den Jahrgangsbesten in Bordeaux zählt.

Ich hatte diesen Pauillac direkt nach dem Erscheinen gekauft und seither reift dieser 29 Jahre junge Schatz in meinem Keller. Wahrscheinlich hätte ich ihn länger als eine Stunde dekantieren sollen, denn erst relativ spät zeigte er seine ganze Klasse: Ein Bouquet von Zedernholz, Tabak, etwas Pflaume, deutlich spiegelte er die Charakteristik des reifen Jahrgangs 1989 wieder. Was aber damals nur 12,5% Vol. wie dieser 1989er Lynch Bages hatte, würde bei einem heutigen Jahrgang dieser Güte sicher 14,5% Vol. aufweisen. Am Gaumen geschliffene Tannine und ein dichtes Netz von tabakwürziger Frucht. Ein großer Bordeaux der alten Schule mit Potential für weitere zwei, drei Dekaden.

Zum Schluß möchte ich noch zum Aperitif kommen. Nacheinander zwei schäumende Rosés: Zuerst den Champagne Ayala Rosé No. 8 Brut.

Ein ganz besonderer Rosé, für den ausschließlich Weine aus Grand- und Premier-Cru-Lagen aus dem großen Jahrgang 2008 verwendet wurden. Nach sieben Jahren auf der Hefe wurde er degorgiert, die Dosage ist mit 8 g/l Restzucker angenehm niedrig. Jetzt nach mehr als zwei Jahren Flaschenreife steht er in voller Blüte, animierende Noten von Himbeere, Blutorange und Johannisbeeren, dazu eine mineralische Frische am Gaumen, die wirklich überzeugt. Sehr komplex, untermalt von feiner Säure. Lang im Nachhall.

Der folgende 2016er Pinot Noir Rosé Sekt von Eva Fricke aus dem heimischen Rheingau hingegen setzte seine enorme Frische und strahlend klare Pinot-Frucht dagegen. Dieser absolut gelungene Erstling, unfiltriert und ohne Dosage gefüllt, wurde vom führenden  Sekthersteller Raumland versektet. In Kürze wird es eine länger auf der Hefe gelagerte Version dieses Sektes geben, auf die sich jeder, der im Prickelnden Wert auf Individualität und handwerkliche Klasse legt, freuen darf.

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