1952er Rüdesheimer an einem Sommerabend im August

1952 Rüdesheimer Klosterkiesel Faß 18 naturrein, Staatsweingüter Eltville, Rheingau

Heute möchte ich Ihnen die ungewöhnliche Geschichte eines reifen Rieslings erzählen und wie dessen lange Reise bei mir endete. Als ich 1998 bei WeinArt anfing, residierte die Firma noch auf Schloss Reinhartshausen. Außerhalb unseres Büros stand in einer Abstellkammer ein alter, brummender, dicker, weißer Kühlschrank. In ihm vegetierten seit Urzeiten zahlreiche Einzelflaschen vor sich hin, ohne dass sich jemand weiter darum kümmerte.  Es waren Probeflaschen, Geschenke und Flaschen, die nicht für Wert befunden wurden, in unserer Preisliste abgebildet zu werden.

Irgendwann gab der Kühlschrank seinen Geist auf und die Flaschen darin wurden unter uns aufgeteilt. Der 1952er, auf dessen Qualität keiner noch einen Pfifferling gab, landete bei mir. Der Jahrgang vor dem Jahrhundertjahrgang 1953 fand in den Köpfen einfach nicht statt. Was sollte ein so einfacher Riesling, also keine Spät- oder Auslese aus diesem mittleren Jahrgang schon an Genuss bieten?

Alte Weine der Staatsweingüter haben mich so gut wie nie enttäuscht. Darauf hoffte ich. Zu Recht erzielen die in der Schatzkammer auf Kloster Eberbach optimal gelagerten Weine auf den jährlichen Auktionen hohe Preise.

Um was aber handelte es sich bei meinem 1952er? Das Etikett gibt dem Kenner schon einiges preis:

Ort: Rüdesheim, Lage: Klosterkiesel. Diese Lagenbezeichnung gibt es heute nicht mehr, wahrscheinlich wurde sie bei der Gebietsreform 1971 dem heutigen Klosterberg oder dem Klosterlay zugeschlagen.

„Naturrein“ bedeutete,  dass der Most vor der Vergärung nicht zur Erhöhung des Alkoholgrades  aufgezuckert wurde. Dieses Verfahren ist heute nur noch bei Tafel-, Land- und Qualitätswein b.A. zulässig, nicht aber bei Prädikatsweinen.

„Faß 18“. Entweder gab es nur eine kleine Menge, sprich ein Faß, oder aber die Qualität des Weines in diesem Faß war besser als die der anderen Fässer 1952er Klosterkiesel.

Die Flasche trägt weiterhin ein Importetikett des renommierten US-Importeurs Schoonmaker, New York. Also war die Qualität so gut, dass sieben Jahre nach Kriegsende Amerikaner diesen deutschen Wein kaufen wollten.

Verschifft wurde der Wein von Joseph Becker, Niederwalluf, siehe Rückenetikett. Josef Becker war angesehener Weinhändler und Inhaber des Rheingauer Traditionsweinguts J.B. Becker.

Weiterhin ziert die Flasche ein runder Aufkleber von Zachys/Christie’s, d.h. eines schönen Tages wurde diese Flasche in den USA versteigert.

Die letzten bald 20 Jahre seines Weinlebens verbrachte der 1952er in meinem Weinkeller, geduldig auf den richtigen Moment wartend.

An einem Sommerabend im August 2018, also bald 66 Jahre nach der Lese, kredenzte  ich den 1952er Rüdesheimer Klosterkiesel Faß 18 naturrein meinen Freunden. Es war etwas schwierig, gerade diese Flasche auszuwählen, denn zuvor gab es einen nahezu perfekten 2001er Chateauneuf du Pape Vieilles Vignes von Domaine de la Janasse. Den hätte ein weiterer Rotwein kaum übertreffen können.  So war wechselte ich einfach das Thema und setzte auf Riesling.

Wie Sie auf den Bildern sehen können, war die Füllhöhe der Flasche für das Alter sehr gut. Keinerlei Auslaufspuren, d.h. der Korken war dicht. Unter der schweren Bleikapsel der übliche Schimmel aller Art, aber keine Feuchtigkeit und kein oxidativer Weingeruch. Vorsichtig setzte ich den Korkenzieher an und ließ dem Korken nach jedem Ziehen etwas Zeit, um in der Flasche langsam mit nach oben zu rutschen. Der Korken riss zwar ein, aber nicht durch. So kam er in einem Stück heraus.  Ein sehr gutes Zeichen.

Die Farbe des 1952ers war ein gesundes goldorange, allerdings leicht trüb, was aber keine Bedeutung oder geschmackliche Auswirkung hatte. Wahrscheinlich wurde dieser Riesling vor der Abfüllung nur behutsam gefiltert. Im Bouquet sofort als Riesling zu erkennen, er zeigte weder oxidative Sherry- oder Nussaromen, noch modrig-erdige Noten, die uralte Weine oftmals von alten Fässern bzw. von durchgeweichten Korken bekommen. Er duftete dezent kräuterwürzig, typisch für die Qualitätsstufe ohne jede Süße in der Nase. Am Gaumen zeigte sich alles in wunderbarer Balance, er besaß noch Säure und vor allem Frucht, die sich in zartcremiger Art andeutete. Meiner Liebsten war er zu sauer, aber das habe ich nicht ansatzweise nachvollziehen können. Ein wirklich feiner, edel gereifter Riesling, der zweimal den Atlantik überquert hat, weiß Gott wie lange in einem vibrierenden Kühlschrank eingesperrt war, bevor er sich in meinem Keller von seinen Strapazen erholen konnte.

Das letzte Viertel der Flasche trank ich bedächtig am nächsten Abend. Auch so viel Luft machte diesem Bilderbuchbeispiel der Alterungsfähigkeit von deutschem Riesling nichts aus.

 

 

 

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