Pittoreske Zypressenalleen schlängeln sich durch das 7.200 ha Rebfläche beherbergende Chianti Classico. In kaum einem Anbaugebiet der Welt scheint die Historie so deutlich in die heutige Zeit hineinzuwirken wie hier. In Florenz, einige Kilometer nördlich gelegen, wird sie greifbar. Die Familie der Medici, die Kultur, Kunst und Wissenschaft mit ihrem stattlichen Reichtum förderte – Lorenzo I. de’ Medici traf sich regelmäßig mit Michelangelo zum Mittagstisch – bereitete um 1500 n. Chr. neben weiteren Adelsfamilien und Handelshäusern den Weg für einen sich florierend entwickelnden Weinbau. Gleichermaßen ermöglicht wurde das städtische Leben durch die Bauern im Umland, die dank politischer Reformen über die Hälfte ihrer Ernte selbst verfügen durften und ihren Überschuss gerne in der Metropole feilboten.
Noch heute wird der überwiegende Teil der toskanischen Weine aus Sangiovese gekeltert. Erst 1971 gelangte der erste „Super Tuscan“ auf den Markt. Zunächst ausschließlich aus Cabernet Sauvignon, später als Cuvée vielfach mit Sangiovese ausgebaut, stellte sich Antinori bewusst gegen das gültige Weingesetz und verzichtete auf den für DOC-Weine vorgeschriebenen Weißweinanteil der Trebbiano und Malvasia Rebe, entsagte bei diesem ersten „Super Tuscan“ gar völlig dem Sangiovese. Nicht der Gesetzeslage für Weine höchster Güte entsprechend, erhielten Weine jener Verschwisterung aus französischen und italienischen Weinverständnis zunächst keinen DOC Status, sodass ihn die Erzeuger als Tafelwein deklariert auf den Markt gaben. Der Erfolg war bahnbrechend, die Kritiker überschlugen sich mit Höchstwertungen, die Preise explodierten.
Heute haben die Verfechter des klassischen Chiantis und die Avantgarde jener „Super Tuscans“ ihren Hahnenkampf beigelegt. Auch der internationale Hype hat sich normalisiert, nachdem manche Winzer vollkommen überzogene Preise für ihre Weine verlangten, die den Absatz stagnieren ließen. Das qualitativ gewonnene Ansehen jedoch blieb. Das Angleichen der Weingesetze an die weinbaulich neuen Erkenntnisse zwingt dem Chianti seit 1996 keinen Weißweinanteil mehr auf und würdigt den reinsortigen Chianti aus Sangiovese mit dem DOC oder DOCG Siegel. Diese historische Entscheidung darf 25 Jahre nach dem Vorpreschen der Villa Antinori als gleichermaßen sinnvoll für den Weintrinker, gleichwohl als versöhnlicher Akt zweier Ideologien betrachtet werden